Basics und Grundlagen



"Bei dem Versuch, die Punkte 11 bis 18 einzusammeln, lässt man dann die Punkte 1 bis 10 liegen. Egal wie hoch die Ambitionen sind: Einen Großteil der Punkte erntet man in der Regel vor allem durch schlichtes Abarbeiten der gängigen Prüfungspunkte, Definitionen und Standardprobleme."

(Sebastian von LEX superior)



Von unseren Interviewgästen hat es Sebastian auf den Punkt gebracht: Beherrscht das Handwerkszeug (Basics) und seid sicher im Grundlagenwissen! Wer das tut und Entsprechendes aufs Papier bringt, kassiert nur selten eine schlechte Note. Vielmehr haben wir die Erfahrung gemacht, dass dadurch die Noten sich (auch in den Staatsexamina) regelmäßig im Bereich über 8 Punkten bewegen.


Hört sich simpel an? Warum schafft es dann der Großteil nicht? Eben weil er in den Basics und den Grundlagen versagt. Denn wer in diesem Bereich Mist baut, kann sich zweistellige Noten abschminken. Da hilft es auch nicht, wenn die meisten Probleme des Falles angesprochen wurden. Für das Prädikat fehlt es schlicht am Fundament.



1. In a nutshell: Was sollte ich tun?

a. Basics sicher beherrschen! Damit meinen wir: Beherrscht mit schlafwandlerischer Sicherheit den Klausurstil und die Technik, wie man Streitstände und Lücken im Gesetz behandelt.

b. Auf Grundlagenwissen aufbauen: Ihr dürft nicht nur auf schlichtes Einzelfallwissen setzen. Sondern dieses müsst ihr in Prinzipienkenntnis und Systemverständnis einbetten. Dadurch wird euch nicht nur das Lernen von Einzelfragen leichter fallen, sondern ihr werdet auch merken, dass ihr euch in der Klausur dann immer Argumente aus den Grundlagen ableiten könnt.


2. Warum sollte ich Basics und Grundlagenwissen sicher beherrschen?

a. Ihr wollt eine bessere Note – ein Ausflug in die Korrekturpsychologie

Wir wir oben schon gesagt haben: Wer es nicht schafft, das Fundament für zweistellige Noten zu legen, bekommt sie auch nicht. Warum eigentlich?

Die Notengebung in juristischen Leistungsbewertungen erscheint euch oft willkürlich? Ja – das ist sie auch! Woran das liegt, könnte locker eine Dissertation füllen. Uns geht es jetzt aber darum, wie wir für euch das Risiko einer willkürlich schlechten Note (die willkürlich guten behalten wir) minimieren können. Dazu bedarf es eines kleinen Ausflugs in die Korrekturpsychologie.

Der 08/15 Korrektor eurer Klausuren (und Hausarbeiten) ist leider extrem schlecht bezahlt und hat wenig Lust, sich zeitaufwendig mit eurer Arbeit auseinanderzusetzen. Außerdem bildet er sich auch keinen sinnvollen Korrekturmaßstab, der zu einer Objektivierung der Korrekturergebnisse führen würde (denn das wäre ja noch mehr Arbeit). Wozu führt das? Je oberflächlicher korrigiert wird, desto mehr verlässt er sich auf ein Bauchgefühl – vielleicht kann man es verharmlosend auch Korrekturermessen nennen.

Was fällt alles in die Bildung dieses Bauchgefühls rein? Wir sammeln:

  • Schrift ist hässlich und unleserlich und es werden keine Absätze gemacht (Stichwort: Bleiwüste). Schlicht: Die Klausur sieht hässlich aus! – Korrektor: „Wer mir so einen schon optischen Mist abliefert, hat keine gute Note verdient. Naja – aber vielleicht gebe ich dem doch noch eine Chance und überfliege mal den Inhalt.“

  • Fehler im Klausurstil (Details zum Klausurstil findet ihr weiter unten): Fehler im Klausurstil und insbesondere Fehler im Gutachtenstil führen ganz in der Regel auch zu logischen Brüchen. – Korrektor: „Bearbeiter kann nicht denken. Er schafft es nicht einmal, einen logischen Fuß vor den anderen zu setzen. Wer nicht denken kann, hat keine gute Note verdient.“

  • Die Auseinandersetzung mit Streitständen und Lücken misslingt. – Korrektor: „So schwer ist das doch nicht. Anfänger! Dafür gibt’s jedenfalls weniger als 7.“

  • Bearbeiter zeigt kein Prinzipienwissen und Systemverständnis auf. – Korrektor: „Das klingt alles auswendig gelernt. Der Bearbeiter hat nicht verstanden, was er schreibt. Über 9 sind das jetzt auf keinen Fall.“

Wir haben sicherlich viele Aspekte vergessen. Aber aus diesem Bauchgefühl konstruiert der Korrektor sich bereits eine grobe Einordnung der Klausur in einen bestimmten Notenbereich. Danach kommt es nur noch selten vor, dass der Korrektor sich von dieser Ersteinschätzung abbringen lässt. Das bedeutet, dass es unfassbar wichtig ist, dass der Korrektor zu eurer Klausur bereits beim ersten Überfliegen ein positives Verhältnis entwickelt.

Eines müsst ihr in diesem Zusammenhang verstehen: Die perfekte Klausurlösung aufs Papier zu bringen, ist eine fast unmenschliche Leistung. Warum das so ist, haben wir schon im ersten Teil unserer Knowhow-Serie angedeutet.

Das heißt, dass jede Klausur (viele kleinere und größere) Fehler und damit Angriffspunkte für den Korrektor enthält. Das liegt schlicht an der Rennfahrernatur unserer Klausuren. Wenn der Korrektor also bereits einen schlechten Eindruck von eurer Klausur hat und euch keine gute Note geben will, wird es ihm sehr leicht fallen, diese Fehler zu finden und damit die schlechte Benotung zu begründen.

Habt ihr dagegen eine optisch ansprechende Klausur abgeliefert, die Basics und Grundlagenwissen gut beherrscht, drückt der Korrektor auch häufiger ein Auge zu.

b. Ihr werdet schneller

Gerade wenn ihr in den Basics fit seid und die ganze Sache quasi automatisch funktioniert, werdet ihr auch deutlich schneller werden. Denn ihr hängt euch dann nicht mehr bei der Art der Formulierung auf und könnt euch auf die Inhalte konzentrieren. Und dass die Geschwindigkeit der Klausurbearbeitung ganz entscheidend ist, sollte euch mittlerweile klar sein.

c. Jede juristische Krise lässt sich dadurch zumindest „vertretbar“ bewältigen

Eigentlich ist jede Juraklausur ein Balanceakt durch ein Feld juristischer Krisen. Damit meinen wir Situationen, bei denen wir uns denken: „Hui – das ist schon problematisch, aber wie löse ich das? (Noch) keine Ahnung!“ (natürlich trifft das nicht auf alle zu, allerdings schreiben wir diese Beiträge ja nicht nur für die, die jetzt schon auf 14-Punkte- Niveau sind).

Das schöne an sicher beherrschten Basics und Grundlagenwissen ist, dass diese einem in solchen Situationen das Werkzeug in die Hand geben, um diese Krisen zumindest „vertretbar“ zu lösen. Und wenn „vertretbar“ am Korrekturrand steht, ist das im juristischen Jargon schon ein Lob. Außerdem haben wir zumindest gesagt. Das heißt, dass man gleichzeitig auch gute Chancen hat, dabei genau ins Schwarze zu treffen und einen punktemäßigen Höhenflug hinzulegen!

Wie das Ganze konkret funktioniert, schildern wir euch in unserem nächsten Beitrag, bei dem es darum geht, weshalb Auslegen statt Auswendiglernen angesagt ist.

d. Prinzipienkenntnis und Systemverständnis sorgen dafür, dass ihr die Einzelheiten schneller versteht und sie euch besser merken könnt

Es ist extrem mühsam eine Unmenge von Einzelfällen zu lernen und sich auch sicher zu merken, wenn man sie nicht in ein verstandenes System von juristischen Konzepten und Prinzipien einbetten kann. Deshalb ist es extrem sinnvoll, Zeit in diesem Bereich zu investieren. Gerade bei den eben geschilderten Krisen helfen Prinzipienkenntnis und Systemverständnis ungemein. Denn daraus lassen sich immer Argumente konstruieren, die sich nicht nur extrem gut anhören, sondern häufig auch in der Sache richtigliegen.

3. Wie eigne ich mir diese Fähigkeiten an?

a. Basics

aa. Klausurstil

Warum sprechen wir vom Klausurstil und nicht vom Gutachtenstil? Weil trotz der Überschrift „Gutachten“ auf der Klausur darunter kein vollständiger, echter Gutachtenstil durchgezogen werden kann und das auch auf keinen Fall getan werden sollte.

Natürlich ist es strategisch sinnvoll, wenn man auf den ersten Seiten häufiger im echten Gutachtenstil bleibt, um nicht sofort die (unberechtigte) Kritik zu kassieren, man beherrsche den Gutachtenstil nicht. Allerdings sollte man dann bald zum Klausurstil wechseln. Der Klausurstil zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Stilkomponenten mit unterschiedlich vielen Wörtern auskommen. Dabei werden die Stile jeweils nach der rechtlichen Relevanz des Problems für den konkreten Fall ausgewählt. Dadurch kann gleichzeitig eine gute Schwerpunktsetzung gelingen. Allerdings seht ihr schon hier, dass die Schwierigkeit darin besteht, zu erkennen und zu beurteilen, wie relevant ein Problem für den konkreten Fall tatsächlich ist. Das kann man nur, wenn man die juristischen Inhalte tatsächlich auch – idealerweise mit Fallbezug – gelernt hat.

Aus welchen Komponenten sich der Klausurstil zusammensetzt (Gutachtenstil, Mischstil, Urteilsstil, Weglassen) und wie er konkret aussieht, kommt jetzt:

(1) Gutachtenstil

Nochmal: In keiner Klausur – und auch nicht in den ersten Semestern – wird tatsächlich von euch verlangt, die gesamte Klausur im echten Gutachtenstil zu schreiben. Das ist schlicht zeitlich nicht möglich, häufig nicht praktikabel und würde sich auch albern anhören.

Tatsächlich wichtig ist allerdings, dass ihr jedesmal, wenn ihr zum Gutachtenstil ansetzt, diesen auch richtig anwendet. Gerade dies misslingt in der Anfangsphase häufig und führt zu der schwerwiegenden Kritik, dass der Bearbeiter den Gutachenstil nicht beherrscht.

(a) Wann benutze ich ihn?

In den ersten Semestern kann es strategisch sinnvoll sein, auf den ersten Seiten der Klausur tatsächlich im sauberen Gutachtenstil zu schreiben. Der Korrektor soll sehen, dass ihr den Gutachtenstil konzeptionell beherrscht.

Später und insbesondere im Examen solltet ihr den Gutachtenstil nur dort verwenden, wo ihr wesentliche Fragen und Probleme des Falles vermutet (Stichwort: Schwerpunktsetzung). In der Regel sind das wesentliche Tatbestandsmerkmale, entscheidungserhebliche Streitstände und Auslegungsfragen.

(b) Wie sieht er aus?

In gebotener Kürze, da quasi jedes Lehrbuch eine sinnvolle Darstellung enthält: Der saubere Gutachtenstil besteht aus (aa) Obersatz, (bb) Definition, (cc) Subsumtion und (dd) dem Ergebnis. Und zwar nur in dieser Reihenfolge.

(aa) Der Obersatz enthält die zu überprüfende Hypothese. Diese knüpft naturgemäß auf der obersten Ebene an die zu beantwortende Klausurfrage an und behandelt auf den unteren Ebenen in der Regel einzelne Tatbestandsmerkmale.

(bb) Die Definition enthält alle Voraussetzungen, die zur Bejahung der Hypothese erforderlich sind. Die Definition ist der Ort, an dem Ausführungen zu Streitständen erfolgen. Schließlich ist jeder Streitstand schlicht ein Streit zwischen unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten des Normtextes.

(cc) In der Subsumtion wird der Sachverhalt mit den Voraussetzungen abgeglichen.

(dd) Das Ergebnis stellt dann nur noch schlicht fest, ob die Subsumtion erfolgreich war (der Sachverhalt erfüllt die normativen Voraussetzungen) oder nicht (der Sachverhalt erfüllt die normativen Voraussetzungen nicht).

Das Verfahren von (aa) bis (dd) schließt einen gedanklichen Kreis. In einer Klausur müsst ihr aber mehrere solcher Gedankenkreise auf unterschiedlichen Klausurebenen öffnen. Dabei werden zuerst jene auf der untersten Ebene geschlossen und nach und nach auch die oberen Ebenen. Dadurch kommt es zu einer Art Schalenaufbau. Der Gedankenkreis der höchsten Ebene (also der erste Obersatz, die an die Klausurfrage anknüpft) wird als letztes geschlossen.

(c) Ein Beispiel am Tatbestandsmerkmal der körperlichen Misshandlung i.S.d. § 223 I StGB

(aa) Obersatz: A könnte B körperlich misshandelt haben, indem er ihn ohrfeigte.

(bb) Definition: Eine körperliche Misshandlung ist jede üble, unangemessene Behandlung, die das Opfer in seinem körperlichen Wohlbefinden nicht nur unerheblich beeinträchtigt.

(cc) Subsumtion: Die Ohrfeige führte zu einer erheblichen negativen Beeinflussung des Wohlbefindens des B und war auch übel und unangemessen.

(dd) Ergebnis: A hat B damit körperlich misshandelt.

Was fällt auf?

Erstens: Ihr seht schon hier, dass es fast schon albern ist, ernsthaft daran zu zweifeln, dass die Ohrfeige eine körperliche Misshandlung ist. Schon ab den mittleren Semestern sollte man davon Abstand nehmen, solche Offensichtlichkeiten im Gutachtenstil zu behandeln.

Zweitens: Was haben wir in der Subsumtion gemacht? Wir haben eigentlich nur behauptet, dass die Ohrfeige eine körperliche Misshandlung ist. Eine echte Prüfung geschah nicht. Würde irgendein Korrektor anzweifeln, dass der Gutachtenstil hier gelungen ist? Nein! Was ist dann los? Hier sieht man schlicht wieder, dass Definitionen häufig nichts bringen und ihr unbedingt Fallorientiert lernen solltet.

(2) Mischstil

Als Mischstil bezeichnen wir eine Formulierungsweise, die nicht dem echten Gutachtenstil folgt, aber auch nicht nur eine bloße Feststellung enthält. Vielmehr werden dort in einem Satz Definition, Subsumtion und Ergebnis vermischt. Man könnte auch sagen, dass der Mischstil eine Art gekürzter Gutachtenstil ist. Jedenfalls kommt er bei wesentlich gleicher Inhaltstiefe mit deutlich weniger Worten aus und kann deshalb in kürzerer Zeit aufs Papier gebracht werden.

(a) Wann benutze ich ihn?

Den Mischstil verwenden wir dort, wo wir kein echtes Problem sehen, aber dennoch dem Korrektor zeigen wollen, dass wir die wesentlichen Elemente der Definition beherrschen. Gerade in den späteren Teilen einer Klausurbearbeitung kann man vermehrt zum Mischstil greifen.

(b) Wie sieht er aus?

Der Mischstil startet mit dem Tatsachenteil, den es zu subsumieren gilt. Danach wird direkt festgestellt, dass die Voraussetzungen der Definition im konkreten Fall erfüllt sind und schließlich gefolgert, dass das betreffende Tatbestandsmerkmal erfüllt ist. Der Mischstil enthält eigentlich alle Elemente des Gutachtenstils, verzichtet aber auf die strenge Formulierungsweise, die mehr Wörter erfordert.

(c) Ein Beispiel ebenfalls am Tatbestandsmerkmal der körperlichen Misshandlung i.S.d. § 223 I StGB

Indem A den B ohrfeigte, wurde B auf üble und unangemessene Weise in seinem körperlichen Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt, sodass eine körperliche Misshandlung vorliegt.

(3) Urteilsstil – besser: bloße Feststellung

(a) Wann benutze ich ihn?

Ihr trefft eine bloße Feststellung, wenn der Sachverhalt sich völlig unproblematisch unter ein Tatbestandsmerkmal (oder auch mehrere) subsumieren lässt.

(b) Wie sieht er aus?

Die bloße Feststellung startet mit dem Tatsachenteil und stellt schlicht fest, dass dieser das Tatbestandsmerkmal erfüllt.

Warum sollten wir nicht vom Urteilsstil sprechen? Weil die bloße Feststellung eben kein Urteilsstil ist, allerdings manchmal irrig als solcher bezeichnet wird. Der Urteilsstil startet nämlich mit dem Ergebnis, gefolgt von den Voraussetzungen und der Begründung des Vorliegens dieser Voraussetzungen. Eine solche Formulierungsweise, die häufig auf Wörter wie „da“ oder „weil“ zurückgreift, sollten wir während des Studiums unbedingt vermeiden.

(c) Wieder zur körperlichen Misshandlung i.S.d. § 223 I StGB

Indem A den B ohrfeigte, hat er ihn körperlich misshandelt.

(4) Weglassen

Nur selten wird es einem explizit erzählt, aber in der Klausur werden viele Tatbestandsmerkmale einfach weggelassen – d.h. sie werden mit keinem Wort erwähnt. Allein hier sieht man schon, dass ein vollständiger, echter Gutachtenstil ein trauriges Märchen ist, das einem zum Studienbeginn leider viel zu häufig erzählt wird.

(a) Wann benutze ich ihn?

Ihr schreibt nichts, wenn die rechtlichen Voraussetzungen völlig offensichtlich vorliegen.

(b) Wie sieht er aus?

Simpel: nichts schreiben.

(c) Beispiel zu § 212 I StGB

Sachverhalt: A tötet B.

§ 212 I StGB lautet: „Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.“

Was ist das erste Tatbestandsmerkmal des § 212 StGB?

Ja – das erste Wort, nämlich „Wer“, d.h. die Tätereigenschaft der zu prüfenden Person. Wurde dieses erste Tatbestandsmerkmal jemals im Studium geprüft? Natürlich nicht, sondern wir sind stets natürlich davon ausgegangen, dass A dieser „Wer“ ist.

Im Rahmen eines Gutachtens würden wir hier wohl einfach im Wege der bloßen Feststellung formulieren:

Indem A den B tötete, hat A einen anderen Menschen getötet und sich damit wegen Totschlags strafbar gemacht.

Was haben wir neben „Wer“ noch alles weggelassen, weil der Sachverhalt überhaupt keinen Anlass dafür bietet, das Vorliegen dieser Voraussetzungen anzuzweifeln? Eine ganze Menge: Kausalität, objektive Zurechnung, den subjektiven Tatbestand, Rechtswidrigkeit und Schuld. Ist das für die Bewertung schädlich? Nein – sondern sogar nützlich, weil so die Zeit bleibt, um sinnvoll die Schwerpunkte an anderen Stellen zu setzen, die wirklich problematisch sind.

bb. Streitstände

Für das erste Staatsexamen existieren etwa 1.500 Streitstände oder Probleme, die abgefragt werden können. Das ist eine ziemliche Menge. Aber nicht nur an der Menge scheitern die meisten, sondern insbesondere auch daran, wie man diese Streitstände in der Klausur effizient und überzeugend darstellt. Dieser sehr wichtigen Frage widmet sich unser nächster Beitrag im Detail!

cc. Lücken im Gesetz

Für die Behandlung von Lücken im Gesetz gibt es in der praktischen Anwendung für die Klausur nur zwei Mittel, die man aber dann sicher beherrschen sollte: Analogie und teleologische Reduktion. Exotische Geschichten wie teleologische Extension oder noch klausurfernere Ideen vergesst ihr bitte wieder.

(1) Analogie

(a) Problem: Der Wortlaut einer Norm erfasst einen Fall nicht, weil er zu eng ist, allerdings möchte man die Norm auch auf diesen Fall anwenden.

(b) Lösung: Die Norm wird analog auf diesen Fall angewandt. Gedanklich wird der Wortlaut dabei einfach um diesen Fall erweitert.

(c) Formulierung der Voraussetzungen für die Klausur

„[Die konkrete Norm] könnte hier allerdings analog angewendet werden. Dies setzt voraus, dass eine planwidrige Regelungslücke existiert und die Interessenlage vergleichbar ist.“

Eure Aufgabe besteht jetzt „nur“ noch darin, die soeben aufgestellte Definition der Analogievoraussetzungen (planwidrige Regelungslücke und vergleichbare Interessenlage) auch zu begründen.

(2) Teleologische Reduktion

(a) Problem: Der Wortlaut einer Norm ist zu weit und erfasst auch Fälle, die außerhalb des Regelungszwecks liegen.

(b) Lösung: Der Anwendungsbereich der Norm wird im Wege einer teleologischen Reduktion eingeschränkt. Gedanklich wird dabei entweder ein Wort der Norm gestrichen oder – häufiger noch – Ausnahmefälle hinzugefügt („… das ist so, es sei denn, dieser Ausnahmefall liegt vor“).

(c) Formulierung der Voraussetzungen für die Klausur

„[Die konkrete Norm] könnte hier allerdings teleologisch zu reduzieren sein, da der Wortlaut über den Regelungszweck hinausgeht.“

Und jetzt besteht die Aufgabe darin darzulegen, wie weit der Regelungszweck reicht und weshalb dieser Fall außerhalb dessen liegt.

dd. War’s das mit Basics?

Ja! Jura ist hinsichtlich der Basics, die man für eine Klausur beherrschen muss, strukturell wirklich simpel! Die Schwierigkeit kommt vielmehr dadurch, dass man sich eine Unmenge von Wissen sicher aneignen und wiedergeben können muss. Das gelingt aber dann leichter, wenn man auch Zeit für die Aneignung von Grundlagenwissen verwendet.

b. Grundlagenwissen – Prinzipienkenntnis und Systemverständnis

aa. Prinzipienkenntnis

Stellt euch folgende Frage: Warum wurde eine Norm bzw. ein Normbereich genauso formuliert? Ihr werdet sehen, dass der Gesetzgeber häufig von ganz lebensnahen Problemen ausgegangen ist und dieses Problem mit Hilfe einer konkreten Regelung lösen wollte. Durch dieses Verständnis könnt ihr euch die Bedeutung der Norm dann besser merken. Denn die Regelung erscheint dann lebensnah und einleuchtend.

Außerdem beruhen auch ganze Normbereiche auf einigen simplen grundlegenden Prinzipien. Zum Beispiel geht es im gesamten Minderjährigenrecht darum, wie der Ausgleich zwischen Minderjährigenschutz und Verkehrsschutz ausgestaltet wird. Wer diesen Gedanken im Kopf behält, erkennt viel einfacher, weshalb die §§ 106 bis 113 BGB in den dort geregelten Situationen sich jeweils für den Vorrang des einen oder anderen Prinzips entschieden hat.

Das gute für die Klausur ist, dass diese Prinzipien auch tiefgründiger erscheinende Argumente im Rahmen der teleologischen Auslegung liefern.

bb. Systemverständnis

Insbesondere in den allgemeinen Teilen und grundsätzlich im BGB ist Systemverständnis unerlässlich. Wer systematisch fehlerhaft prüft, zeigt dem Korrektor grundlegende Mängel im juristischen Verständnis. Eine solche Klausur kann durch nichts mehr gerettet werden.

Systemverständnis zu entwickeln ist natürlich kein einfaches und schnelles Unterfangen. Allerdings ist dieser Schritt für eine gute oder sehr gute Note unerlässlich! Aus unserer Sicht gelingt dies deutlich müheloser, wenn man sich das Systemverständnis automatisch mit der fallorientierten Klausurvorbereitung aneignet. Wie das funktioniert, haben wir euch bereits ausführlich erzählt.

4. Wie geht es weiter?

Wir knüpfen natürlich auch diesmal wieder an das soeben Gesagte an und erzählen euch, warum es stets sinnvoller ist auszulegen statt auswendig zu lernen. Es geht ganz konkret darum, wie Basics und Grundlagen im Rahmen einer Klausur auf dem Papier aussehen!



Autor: Tianyu Yuan