Klausurenschreiben ist Übungssache



"Tell me and I forget, teach me and I may remember, involve me and I learn."

(Benjamin Franklin)



Mit diesem Beitrag geht‘s an das Wesentliche – nämlich die Klausur! Wir erinnern uns: Was ist die Aufgabe?


„Schreibe innerhalb einer bestimmten Zeit (2 bis 3 Stunden im Studium und 5 Stunden im Examen) ein Gutachten zu Rechtsfragen, die sich im Zusammenhang mit einem bestimmten Sachverhalt stellen.“


Die Klausur ist der Ort, wo wir unser gelerntes juristisches Wissen mit hoher Geschwindigkeit und großer Entscheidungsfreude auf einen konkreten Fall anwenden und das Anwendungsergebnis in einer bestimmten Form zu Papier bringen müssen. Da jede Klausur aus einem Fall besteht, zeigt sich gerade hier, wie sinnvoll es ist, sich bereits zuvor fallorientiert vorbereitet zu haben.



1. In a nutshell: Was sollte ich tun?

a. Klausurenschreiben kann und muss man üben! Die gute Nachricht: es geht und durch Übung wird man besser. Die schlechte Nachricht: man muss es auch tun!

b. Unterschiedliche Klausursituationen erfordern unterschiedliche Lösungsstrategien. Gerade die durch Übung gewonnene Routine in diesen Situationen sichert das ordentliche Bestehen und führt zu herausragenden Ergebnissen.


2. Warum sollte ich Klausurenschreiben üben?

a. Klausurnoten sind die entscheidenden Noten

Ja klar - während den meisten Übungen werden auch Hausarbeiten geschrieben, die benotet werden. Aber machen wir uns nichts vor: letztlich zählt nur unsere Klausurperformance. Denn im schriftlichen Teil des Staatsexamens werden ausschließlich Klausuren verlangt und auch die mündliche Note orientiert sich ganz in der Regel stark an der schriftlichen Vorbenotung. Und auch während des Studiums sagen Klausurnoten deutlich mehr über die juristischen Fähigkeiten aus als Hausarbeiten. Denn Hausarbeiten schreibt jeder unterschiedlich lang und intensiv und auch mit unterschiedlichen Hilfsmitteln – die Bücher unterscheiden sich zwar nicht so stark, aber sicherlich der hilfsbereite Freundes- und Verwandtenkreis 😉. Während Klausuren müssen aber alle unter denselben Bedingungen liefern. Deshalb gewichten Arbeitgeber auch bei Praktikumsentscheidungen etc. im Zweifel die Klausurnote höher.


b. Wer den Ernstfall trainiert hat, ist im Ernstfall besser

Dieser Gedanke ist so banal, dass wir uns gar nicht trauen, ihn auszusprechen. Allerdings haben auch wir uns während des Studiums häufig dabei erwischt, dass wir nicht mit dem erforderlichen Fleiß tatsächlich für die Klausur trainiert haben, sondern völlig sinnlos in Lehrbüchern schmökerten, um mit einem guten Gefühl die Zeit tot zu schlagen.

c. Formulierungsfähigkeiten müssen entwickelt und geübt werden

Jede juristische Klausur ist eine Rennfahrerklausur – manche mehr, manch‘ andere noch mehr! Die Fähigkeit, schnell zu schreiben, ist unerlässlich. Wie ihr das üben könnt, haben wir euch bereits gesagt. Ebenso unerlässlich ist allerdings auch, dass ihr eure (juristischen) Formulierungsfähigkeiten entwickelt, verbessert und übt. Damit meinen wir Folgendes:

aa. Kein Korrektor möchte lange und verschachtelte Sätze lesen. Eine klare, präzise und gleichzeitig effiziente (kein Wort ist unnötig) Ausdrucksweise ist aber eine Kunst, die lange gelernt und stetig geübt werden muss. Und jede geübte Klausur gibt euch die Chance zu fragen: Wie hätte ich dies oder jenes besser oder effizienter formulieren können?

Hinsichtlich Satzstrukturen könnt ihr euch an diese simplen Grundsätze halten:

  • Möglichst nur einfache Hauptsätze bilden. Je kürzer die Sätze, desto besser. Ein Satz ist perfekt, wenn man kein Wort mehr weglassen kann.
  • Ein Satz enthält nur einen Gedanken.
  • Bei Nebensätzen: Der Hauptgedanke gehört in den Hauptsatz.

bb. Jura ist eine Fachsprache und auch auf dem Papier muss der Jargon stimmen. Korrektoren mögen es, wenn sie ihren „eigenen Stil“ auf dem Papier wiederfinden. Ja – es geht dabei nur um kleine Wörter, die nicht einmal viel Inhalt transportieren. Aber sie sind für das Wohlbefinden des Korrektors sehr wichtig. Schließlich erkennt er sich nun in eurem Text wieder und dies sorgt dann eher für ein positives Verhältnis zu eurer Klausur.

Teil dieses Jargons sind z.B.: „Zunächst …“ (für den ersten Prüfungspunkt); „Weiter …“, „Ferner …“, „Zudem …“ (für die nächsten Prüfungspunkte); „Schließlich …“ (für den letzten Prüfungspunkt); „Jedoch …“, „Allerdings …“, „Indes …“ (für Gegen-Argumente zu einem zuvor formulierten Argument); „grundsätzlich“, „regelmäßig“ (deutet an, dass hier eine Ausnahme angesprochen wird); „Im Einzelnen: …“ (für die Urteilsklausur im zweiten Staatsexamen, wenn mehrere Feststellungen nacheinander begründet werden).

d. Der sogenannte „Gutachtenstil“ (eigentlich Klausurstil) muss geübt werden

In der Klausur wird im ersten Staatsexamen der sog. Gutachtenstil verlangt. Dieser müsste eigentlich Klausurstil heißen, da keine Klausur einen echten und vollständigen Gutachtenstil mit Obersatz, Definition, Subsumtion und Ergebnis von vorne bis hinten durchhalten kann. Hauptgrund ist, dass einem schlichtweg die Zeit fehlt. Außerdem misslingt dann in aller Regel die Schwerpunktsetzung.

Vielmehr müsst ihr in der Klausur zwischen Gutachtenstil, Mischstil, Urteilsstil und einfachem Weglassen wechseln. Wie ein solcher Klausurstil im Detail aussieht und wie er gelingt, verraten wir euch in unserem nächsten Beitrag!


3. Wie übe ich Klausurenschreiben?

Ziemlich simpel: Nehmt euch idealerweise einen Originalklausurfall zum Prüfungsthema und löst ihn unter Originalbedingungen (ja – das ist anstrengend). Allerdings müsst ihr das natürlich nicht während jeder Übungssitzung machen, da es nun mal selten ist, dass ihr 2 bis 3 oder sogar 5 Stunden am Stück Zeit habt und die entsprechende Geduld aufbringen könnt. Denn der Weg zur Klausur ist ein Prozess mit unterschiedlichen Stadien und diese Stadien können grundsätzlich getrennt geübt werden.

Was Allgemeinplätze wie Zeiteinteilung etc. betrifft, wurde schon an vielen anderen Stellen viel geschrieben. Wir möchten uns im Folgenden auf ein paar wirklich relevante Punkte beschränken bzw. Tipps geben, die man sonst nicht (so leicht) bekommt.

a. Die ernsthafte Übung muss unter Originalbedingungen stattfinden

Das ist deshalb so wichtig, weil zumindest die meisten merken werden, dass man nicht auf jede aufgeworfene Frage sofort die passende Antwort und die richtigen Argumente parat hat. Solche Situationen werden euch bis ins zweite Staatsexamen hinein (und auch darüber hinaus) begleiten. Sie verursachen Stress. Es ist immens wichtig, dass ihr lernt, mit diesen Herausforderungen umzugehen und nicht während des Ernstfalls kapituliert.

Außerdem könnt ihr am besten unter Originalbedingungen feststellen, in welchen Bereichen ihr eure Fähigkeiten noch ausbauen müsst und könnt entsprechend nachjustieren.

Letztlich: Besorgt euch dafür eine Stoppuhr! Sonst müsst ihr immer im Kopf mitschleifen, wann ihr mit eurer Bearbeitung angefangen habt. Das ist eine mentale Last, die in der Stresssituation spürbar wird und leicht vermieden werden kann.

b. Vorbereitungen vor der Klausur

In der Klausur zählt jede Minute. Deshalb beginnt die Vorbereitung auf den unmittelbaren Ernstfall bereits vor dem Startschuss. Damit meinen wir nicht nur, dass die Arbeitsmaterialien vorbereitet und funktional sein müssen.

Sondern: Nummeriert bereits vor der Klausur eure Konzept- und Reinschriftseiten durch! Es ist völliger Wahnsinn, am Ende der Klausur die wertvollsten Minuten damit zu verschwenden.

Und was ist, wenn man eine Seite einfügen muss? Zwischen Seite 7 und 8 befinden sich noch mindestens 26 weitere Seiten – nämlich 7a, 7b, 7c … Ihr seht also, dass es überhaupt keinen Grund gibt, nicht bereits vor der eigentlichen Klausur alle Seiten durchnummeriert zu haben. Außerdem verhindert ihr dadurch, dass ihr am Ende in der Hektik Seiten falsch nummeriert und damit falsch einsortiert.

c. Bearbeitungsvermerk und Sachverhalt

Ein für alle Mal: Der Bearbeitungsvermerk wird immer zuerst gelesen. Es ist ein Märchen, dass in jedem Klausursachverhalt jedes Wort für die Klausurlösung relevant wird. Das trifft nur auf extrem gut konzipierte Klausuren zu und davon gibt es nur sehr sehr wenige. Nur wer den Bearbeitungsvermerk kennt (was ist gefragt), kann bereits beim ersten Lesen des Sachverhalts entsprechend filtern und Wesentliches von Unwesentlichem trennen. Anschaulich: Wenn nur nach der Strafbarkeit des A gefragt ist, ist völlig egal, wie sich B, C und D strafbar gemacht haben, es sei denn, deren Strafbarkeit muss inzident berücksichtigt werden.

d. Gliederung

Eure Gliederung kriegt nur ihr zu Gesicht. Es ist völlig egal, wie hässlich sie ist. Auch wenn ihr nicht fertig werdet und sie mit abgebt – sie wird nicht bewertet!

Deshalb: Die Gliederung muss nur einen Zweck erfüllen. Sie muss euch als sichere Gedankenstütze dienen, sodass ihr die Klausur strukturiert und vollständig ausformulieren könnt. Dabei dürft ihr auf keinen Fall dadurch Zeit verlieren, dass ihr euch bei der Gliederung optisch verkünstelt. Sondern schnell müsst ihr sein! Dabei bietet es sich an, nur mit Gliederungsziffern, Zahlen, Symbolen (+/-), Abkürzungen (TB, RW, S, hL, aA …) und Stichwörtern zu arbeiten.

e. Ausformulierung

Das ist der wichtigste Teil. Denn nur das ausformulierte Ergebnis ist Bewertungsgrundlage. Hier muss Qualität geliefert werden und es gibt keine Ausreden à la „Aber auf der Gliederung hatte ich die Punkte …“ - dann arbeitet an eurer Zeiteinteilung.

Gerade bei der Ausformulierung stellen wir fest, dass erhebliche Schwächen bestehen. Dies liegt daran, dass gerade dieser Teil mühselig ist und von nur sehr wenigen tatsächlich geübt wird. Das ist ein großer Fehler. Denn gerade bei der Ausformulierung der Gliederung tun sich insbesondere zu Beginn große Hürden auf, die es zu überwinden gilt. Neben der weiteren Verbesserung der Formulierungsfähigkeiten könnt ihr zudem gleichzeitig auch an eurer Schrift und Schreibgeschwindigkeit feilen! Vernachlässigt diesen Teil also bitte nicht!

4. Wie geht es weiter?

Mit Grundlagen und Basics. Diese sind immens wichtig. Wenn man sie beherrscht, kann man tatsächlich leichter lernen. Außerdem wird es dann kaum möglich sein, dass eine Klausur unter den Strich gesetzt wird. Ganz im Gegenteil: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Klausuren, welche die Grundlagen und Basics sicher einhalten, selten schlechter als ein mittleres „befriedigend“ bewertet werden und eher noch in deutlich höhere Notenbereiche führen.



Autor: Tianyu Yuan