Wie lerne ich und womit?



"Study hard what interests you the most in the most undisciplined, irreverent and original manner possible."

(Richard Feynman)



Wir haben es häufig gehört und es ist in der Sache auch nicht falsch: „Findet eure eigene Lernstrategie und glaubt nicht unreflektiert anderen, die meinen, einen Masterplan für Jura gefunden zu haben.“


Wir glauben natürlich, einiges davon verstanden zu haben, wie in Jura gute Klausur- und Examensnoten zustande kommen. Allerdings möchten wir hier nochmal deutlich sagen: Reflektiert und denkt nach über das, was wir euch erzählen und verarbeitet dieses Wissen individuell für euch selbst.


Das wichtigste ist aber, sich nicht von dem obigen Satz dazu verleiten zu lassen, die Scheuklappen aufzusetzen und zu meinen, dass ein unstrukturiertes und zeitverschwenderisches Herumwuseln irgendwas mit intelligentem Lernen zu tun hat. Dieses Phänomen sehen wir aber sehr häufig und führt leider auch zu keinem happy ending. Die meisten von uns verbringen sehr viel Zeit mit Jura, aber am Ende gehen die Resultate weit auseinander. Wer das allein auf „Intelligenzunterschiede“ schiebt, hat mit diesem mindset ohnehin nur das Nachsehen. Viel mehr liegt der entscheidende Unterschied darin, wie gelernt wird.



1. Wie lerne ich?

Natürlich können wir euch eure perfekte Lernstrategie für juristisches Wissen und im Umgang mit juristischen Leistungsbewertungen (also Klausuren) nicht auf dem Silbertablett präsentieren. Diese muss jeder für sich selbst herausfinden.

Wozu wir euch allerdings raten können ist:

a. Verbringt 10 Minuten mit diesem Artikel – das ist gut investierte Zeit.

b. Für etwas tiefgründigere Ausführungen auf unterhaltsame Art empfehlen wir euch die Serie Crash Course Study Skills – das Anschauen lohnt sich, insbesondere Teil 3 zu „Memory“!

c. Eure Lernstrategie sollte diese Aspekte berücksichtigen: Wissensaufnahme, Wissensfestigung und Wissensnutzung.

aa. Die Möglichkeiten der juristischen Wissensaufnahme sind beschränkt: Im Wesentlichen kann man hören (Vorlesungen – klassisch oder per podcast), sehen/lesen (Text, Schaubilder, Schemata etc.), sprechen (über Jura mit anderen reden).

bb. Wissensfestigung kann auf unterschiedliche Weise funktionieren (eigene Karteikarten, Zusammenfassungen, Schaubilder, Schemata erstellen, Diskussion mit anderen, Ausdenken und Lösen eigener Fallvarianten etc.).

In diesem Zusammenhang ist es uns wichtig euch auf etablierte Mnemotechniken hinzuweisen. In Jura muss man sich (leider) doch einiges merken. Setzt euch mit dieser Thematik auseinander und ihr werdet euch deutlich entspannter Dinge merken können.

Einen ersten Anknüpfungspunkt findet ihr hier.

cc. Die Wissensnutzung in Jura beschränkt sich effektiv auf das Klausurenschreiben und (später) die mündliche Prüfung.

Seid euch bewusst, dass es vorteilhaft sein kann, eigene Karteikarten von Hand zu schreiben, damit ihr im Schreibtraining bleibt. Nebenbei kann man an seiner Schreibweise feilen, was immens wichtig ist.

d. Was die Strategie für die Wissensaufnahme und Wissensfestigung betrifft, ist es fast immer besser, unterschiedliche Strategien zu kombinieren, da jede einzelne unterschiedliche Hirnregionen anspricht und die Chance auf Informationsspeicherung und -abruf dadurch erhöht wird.

2. Womit lerne ich?

An dieser Stelle hört das Eingangsstatement auf, richtig zu sein: Es ist absolut nicht „Typsache“ womit man lernt. Wenn die Lernvorlage (Vorlesungen, Lehrbücher, Fallbücher, Skripte etc.) inhaltlich mit Blick auf Klausuren schlecht ist, kann das Lernergebnis nicht gut werden – es gilt: garbage in, garbage out.

a. Es gibt objektiv schlechte Lernvorlagen

Eine wichtige Erkenntnis ist: Es gibt objektiv bessere und schlechtere Lernvorlagen (leider müsste man „schlechte und noch schlechtere“ sagen)! Macht euch einfach bewusst, dass neben den Vorlesungen auch jedes Lehrbuch, Fallbuch etc. von Menschen erstellt wird (die sich mehr oder weniger Mühe geben und mehr oder weniger Fehler machen).

Eine Vorlesung, die auf unterhaltsame Weise kein relevantes Wissen vermittelt (soll vorkommen) ist objektiv schlechter als eine gut strukturierte Vorlesung, die prüfungsrelevante Inhalte systematisch und vollständig darstellt.

Ein Lehrbuch, das undifferenziert Themen nacheinander behandelt, ohne zu gewichten, welche Inhalte wichtiger und klausurrelevanter sind als andere und ohne Zusammenhänge aufzuzeigen, die für das Verständnis und die Fallbearbeitung wichtig sind, ist schlechter als eines, das diese Punkte berücksichtigt.

Ein Fallbuch, das häufig und ohne dies zu kennzeichnen der Mindermeinung folgt, dessen Lösungen unrealistisch lang und nicht einmal annähernd in einem Klausurstil geschrieben sind, ist schlechter als eines, das das Meinungsbild nicht verschleiert, eine realistisch lange Lösung aufweist, Zusatzwissen als solches kennzeichnet und in einem sauberen Klausurstil geschrieben ist (diese gibt es leider quasi nicht).

An dieser Stelle fällt es uns schwer, euch konkrete Empfehlungen auszusprechen, da wir selbst mit fast allen Lernvorlagen unzufrieden sind. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns auf den Weg machen, unsere eigenen Lerninhalte für euch zu erstellen 😊.

Wir können euch derzeit nur empfehlen, unterschiedliche Lernvorlagen auszuprobieren, sie kritisch zu prüfen und ggf. die Lernvorlage zu wechseln. Diese Beurteilung fällt zugegebenermaßen am Anfang schwer, weil man gerade erst mir Jura angefangen hat. Als Bewertungskriterien könnten aber folgende Fragen dienen:



  • Ist die Lernvorlage klar und verständlich geschrieben?

  • Enthält sie wenige logische Fehler (jede Lernvorlage ist fehlerbehaftet; nur manche haben mehr, andere weniger davon)?

  • Zeigt die Lernvorlage klar auf, wie die Rechtsprechung und die hM entscheidet?

  • Gewichtet die Lernvorlage die Inhalte nach (Klausur-)Relevanz?

  • Zeigt die Lernvorlage systematische Zusammenhänge mit Fallbezug auf?



b. Welche Lernvorlagen bieten welche Vor- und Nachteile?

aa. Die Vorlesung

(1) Pro

  • Dozenten können auf Studierende eingehen

  • Rückfragen können beantwortet werden

  • Unterhaltungsfaktor – manchmal mit, aber auch ohne den Dozenten


(2) Contra

  • Dozenten könnten schlecht vorbereitet sein

  • Dozenten könnten didaktisch schlecht sein

  • häufig ineffizient bzgl. Informationsvermittlung (zu langsam oder zu schnell)

  • hohe Ablenkungsgefahr durch Handy oder Laptop, wenn man nicht damit Jura macht


bb. Videos und Podcasts

(1) Pro

  • häufig inhaltlich hochwertiger. Schließlich kann sich der Dozent nicht mehr hinter flüchtigen Worten verstecken, sondern hat dauerhaft etwas in die Welt gesetzt. In diesem Zusammenhang finden wir die Podcasts von Stephan Lorenz wirklich sehr gut.

  • Geschwindigkeit individualisierbar: Pausen, Vor- und Zurückspringen, doppelte Videogeschwindigkeit etc.

  • flexibel abrufbar, z.B. auch im Zug oder auf dem Laufband.



(2) Contra

  • es gibt nur wenige Podcasts – sie werden aber mehr



cc. Lehrbücher

(1) Pro

  • Wissen aus Vorlesungen kann vertieft werden

  • Nachschlagewerk

  • man kann in ihnen Notizen machen



(2) Contra

  • es gibt einen unübersichtlichen Wald von schlechten Lehrbüchern. Auch sog. „Standardlehrbücher“ sind nicht zwingend die besten

  • häufig zu dick (zumal: Lehrbücher liest man nicht von vorne bis hinten, sondern nur auszugsweise und springend)



dd. Skripte

(1) Pro

  • liefern einen schnellen Überblick

  • in der Regel einfach und knapp geschrieben



(2) Contra

  • häufig inhaltlich zu oberflächlich



ee. Fallbücher

(1) Pro

  • man lernt juristische Inhalte mit konkretem Fallbezug: Ja, genau – das ist das, was man auch in einer Klausur liefern muss!

  • der systematische Zusammenhang von Problemen wird verdeutlicht (Lehrbücher vermitteln häufig nur „Inselwissen“)

  • die Relevanz von Problemen wird aufgezeigt (Probleme, die häufiger auftauchen, sind auch die relevanteren)



(2) Contra

  • Musterlösungen sind regelmäßig inhaltlich schlecht

  • Musterlösungen sind nicht im Klausurstil geschrieben

  • man hat das Gefühl, ein Rechtsgebiet nicht umfangreich behandelt zu haben (je mehr Fälle man aber bearbeitet, desto vollständiger wird auch das Wissen über das Rechtsgebiet)



3. Wie geht es weiter?

Genau dort, wo wir oben aufgehört haben: nämlich mit Fällen! Denn wir sind davon überzeugt, dass die Klausur- und Examensvorbereitung anhand von (vielen, vielen) Fällen am effektivsten und effizientesten ist. Was wir damit genau meinen, erfahrt ihr in unserem nächsten Knowhow-Beitrag.



Autor: Tianyu Yuan